Ein großer Klang für Petershausen

Orgelkino in St. Gebhard: „Metropolis“ wird zur bejubelten Höllenfahrt

Die Ruhe vor dem Sturm: In wenigen Minuten beginnt in der überfüllten Gebhardskirche "Metropolis" und mit ihm eine filmische und orgelmusikalische Höllenfahrt.
Bild: Hanser

SÜDKURIER Konstanz, 16.09.2014
Von Reinhard Müller

Als die Zuhörer die Gebhardskirche verlassen, sind sie immer noch ein wenig platt. Im überfüllten Kirchenschiff hatten sie etwas erlebt, was es in Konstanz noch nie gab: Orgelkino zum monumentalen, zweieinhalb Stunden langen Stummfilmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang. Schwarz-weiße Bilder von 1927 und Musik aus der Orgel des Jahres 2014: Die erstmalige Zusammenarbeit von Orgelbauverein und Zebra-Kino empfinden viele von ihnen als einen riesigen Erfolg. Und mit ihnen Claudius Winterhalter, der die neue Orgel baute, und der Stuttgarter Domorganist Johannes Mayr, der die Zuhörer zweieinhalb Stunden gefesselt, verblüfft und zeitweise auch ganz schön angestrengt hatte.

Bei der Musik zum Stummfilm geht Mayr an diesem Abend neue Wege, löst sich fast komplett von der ursprünglichen, schon damals eher althergebrachten Filmmusik. Mayr komponiert keine neue Musik, sondern er improvisiert sie: Er spielt sie aus dem Augenblick in die Tasten und Pedale, und sie würde im Wiederholungsfall vielleicht ganz anders herauskommen. Dabei legt er sich tonal keinerlei Fesseln an: Er behandelt das große neue Instrument mit oft an Computerelektronik erinnernden Klängen aus dramaturgischer Sicht – und schafft so auch einen Verweis auf die Wirkmacht von „Metropolis“ für alle folgenden Science-Fiction-Filme und die Musik bis hin zur Elektro-Pionierband Kraftwerk.

Schon mit den ersten Tönen steht ein Hauptthema, das man in der Harmonielehre als „Teufel in der Musik“ bezeichnet: die verminderte Quinte. Da fährt das unterdrückte Arbeiterheer gebeugt in die dunkle Unterstadt der Maschinenhallen ein, die Szenen wirken wie eine düstere Vorahnung der grauenvollen Bilder aus der Nazi-Zeit. In Mayrs Improvisation dazu schält sich aus flirrend wabernden Geräuschen in stetiger Steigerung der unerträgliche Krach der schließlich menschenmordenden Moloch-Maschine heraus. Am Ende türmen sich die scheußlichen Akkordballungen so hoch hinauf wie die technikverliebte Oberstadt der Reichen in ihrem Wolkenkratzer-Babelturm.

Die schönen Gärten der reichen Söhne mit verführerischen Damen wären ja noch schöner mit bezaubernder Musik, aber weit gefehlt: Das Morbide kommt leiser daher, bleibt der Musik aber anhaften – selbst als die Kindergärtnerin Maria, entscheidende Instanz der Sozialtragödie mit irgendwie unpassend-überraschend gutem Ausgang, die Szene betritt. Die Liebesgeschichte mit Freder, dem Sohn des unbarmherzig diktatorischen Führers der Stadt Metropolis, nimmt ihren verwirrenden Lauf, der dem Beschauer ununterbrochene Aufmerksamkeit abfordert. Das sind strapaziöse Längen, auch Überlängen. Da war man gespannt, wie ein Organist solche Zeitspannen ausfüllt.

Dramatische Jagd-, Verfolgungs- und Angstszenen reihen sich bis zum Ende des Films aneinander, zerren an Nerven, lassen erschauern, den Atem stocken, Füße zittern, Hände schwitzen. Und der Orgelkünstler legt los: Rasende Läufe, chromatische Gänge ohne Ende, die Lautstärkenskala rauf und runter bis zu extremen Trommelfellbelastungen; Johannes Mayr spielt mit den Tempi, lässt den Metren selten einen ruhigen Gang, reiht Dreier-, Fünfer-, ja selbst Siebenergruppen aneinander.

Zugleich unterstützt er die Bildfolge ebenso intuitiv wie präzise. Schlägt auf der Leinwand eine riesige Tür zu, ist der Knall von der Orgel auch schon da. Tritt die echte Maria oder der nach ihrem Ebenbild gebaute Maschinenmensch auf: Die Nuancen in der Musik greifen das Verwirrspiel auf. Kommt der Film dann doch zu einem vermeintlich guten Schluss (die Arbeiter sollen sich bloß nicht über Zustände erheben), werden die Klänge melodischer und bleiben doch gebrochen.

Am Ende erheben sich die Zuhörer und mit ihnen gewaltiger Applaus. Die mehr als 800 Ohrenzeugen wissen, dass sie das vielleicht nicht schönste, aber wohl spannendste Konstanzer Konzerereignis des Jahres erlebt haben. Der Stuttgarter Künstler Johannes Mayr wirkt weniger mitgenommen, verneigt sich fröhlich. Auch für ihn war es wohl ein ganz besonderer Abend.

 

Orgelkino geht weiter

Die Zusammenarbeit zwischen Zebra-Kino und Orgelbauverein St. Gebhard soll unter dem Motto Orgelkino weitergehen: Das kündigten die Verantwortlichen direkt nach der gefeierten „Metropolis“-Aufführung an, die ein sehr gemischtes, ungewöhnlich junges Publikum in die Kirche lockte. Welcher Stummfilm-Klassiker als nächstes gezeigt wird, wer dazu Orgel spielt und wann sich Musik- und Kinofreunde auf das nächste Ereignis freuen können, ist noch ungewiss. Klar war am Samstagabend nur: Die Orgel eignet sich auch für solche Projekte bestens. (rau)

Der Klängefinder zu den mächtigen Bildern: Johannes Mayr aus Stuttgart
Bild: Hanser

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